Made in Austria

Piatnik

Text: Emely Nobis

Wie ein fast 200 Jahre alter Wiener Hersteller von handbemalten Spielkarten zu Österreichs größtem Verlag für Brett- und Kartenspiele wurde.
Ferdinand Piatnik © Wikimedia Commons

Ferdinand Piatnik © Wikimedia Commons

Wer hat Piatnik gegründet?

Das war Ferdinand Piatnik (1819-1885). Zu seiner Zeit wurden die Spielkarten noch von Hand hergestellt und bemalt. Ferdinand hatte dieses Handwerk in Budapest gelernt, trat in die Kartenmalerei von Anton Moser in Wien ein, übernahm sie 1824 und nannte sie „Ferdinand Piatnik in Wien“. Im Jahr 1882, unter der nachfolgenden Generation, wurde der Name in „Ferd. Piatnik & Söhne, Wien“ geändert. Der heutige Geschäftsführer und Miteigentümer, Dieter Strehl, führt das Familienunternehmen in fünfter Generation.

Zu der Zeit, als Piatnik gegründet wurde, waren Spielkartenfabriken so allgegenwärtig wie Schuster oder Schneider. Viele dieser kleinen Unternehmen hörten auf, als der Druck dieser Karten industrialisiert werden konnte. Durch die Übernahme anderer Hersteller und Neugründungen in Polen und
Tschechien konnte Piatnik rasch expandieren und wurde zum führenden Anbieter in der österreichisch-ungarischen Monarchie.  Piatnik entwickelte sehr erfolgreiche Spielkartenmotive in einem bis heute bekannten Stil, wie etwa die „Doppeldeutschen“ mit gedreht zueinanderstehenden Halbfiguren aus Schillers „Wilhelm Tell“, das österreichische Tarockblatt, sowie viele Joker- und Rummy-Karten.

Nach 1945 verlor Piatnik aufgrund des „Eisernen Vorhangs“ zwischen West- und Osteuropa seine Fabriken außerhalb Österreichs und einen Großteil seines Marktes. Das Unternehmen musste sich neu erfinden und begann ab 1956 mit der Entwicklung von Brettspielen, in 1966 ergänzt mit Puzzles. All das ist heute in mehr als 70 Ländern weltweit erhältlich. Dass der Name Piatnik dennoch vielen Menschen nichts sagt, ist laut Strehl nicht verwunderlich. „Wie bei Büchern spielt der Name des Verlags kaum eine Rolle. Jeder kennt Scrabble, Monopoly oder Rummikup, aber kaum jemand weiß, wer es vertreibt.“

Wo wird es hergestellt?

Piatnik in der Hütteldorfer Straße © FREN Media, Frits Roest

Piatnik in der Hütteldorfer Straße © FREN Media, Frits Roest

1891 wurde auf moderne Industrieproduktion umgestellt und ein neuer Firmensitz in der Wiener Hütteldorfer Straße bezogen. An der Fassade eines ansonsten unscheinbaren Häuserblocks prangt das traditionelle Logo des Unternehmens: ein Jockey zu Pferd (in Anlehnung an den Spielspaß). Während dieses Duo früher in einem gelben Dreieck stand, wurde es nach einem Relaunch 2016 zu einem Kreis in Rot und Weiß: den Farben Österreichs und Wiens. Durch ein schmales Eingangstor betreten wir die 12.000 Quadratmeter große Produktionsstätte. Im sogenannten Musterraum – mit knirschendem Fischgrätparkett – ist ein Großteil der Piatnik-Kollektion in Regalen entlang der Wände ausgestellt. Vor allem die Spielkarten faszinieren durch die Vielfalt der Abbildungen auf der Rückseite: von Reproduktionen von Künstlergemälden über Sporthelden bis hin zu „Handtaschen der Royals“. Einige der historischen, handgemalten Karten – wahre Kunstwerke – sehen wir später in einer klassischen Vitrine im angrenzenden Besprechungsraum.

Schachteln mit Spielen werden am Fließband gefüllt © FREN Media, Frits Roest

Schachteln mit Spielen werden am Fließband gefüllt © FREN Media, Frits Roest

Während Strehl uns herumführt, hören wir ein dumpfes Klopfen über unseren Köpfen. Es stellt sich heraus, dass es sich um die Maschine handelt, mit der Spielkarten gedruckt werden. Piatnik stellt nicht nur die Karten, Brettspiele und Puzzles selbst her, sondern auch die Schachteln, in denen sie verpackt werden. Nur Kunststoffteile (wie Würfel oder Spielfiguren) werden eingekauft.

Neben der Produktion sind die rund 100 Mitarbeiter mit Entwicklung, Übersetzung, Einkauf, Verkauf, Export, Marketing und Vertrieb beschäftigt. „Dass wir alles selbst in der Hand haben“, sagt Strehl, „hat mit unserer Vergangenheit als Spielkartenhersteller zu tun. Casinos sind traditionell ein wichtiger Kunde und müssen sich darauf verlassen können, dass Karten mit ihrem Logo nicht in den Taschen ihrer Kunden landen. Deshalb müssen wir alle möglichen Sicherheitsvorschriften einhalten. Das funktioniert nur, wenn man keine Aktivitäten auslagert.“

Wann wird es ein Erfolg?

Erfolgreiche Spiele werden zu einer Spielefamilie ausgebaut, wie zum Beispiel Activity Crime neben dem ursprünglichen Activity © Piatnik GmbH & Co KG

Erfolgreiche Spiele werden zu einer Spielefamilie ausgebaut, wie zum Beispiel Activity Crime neben dem ursprünglichen Activity © Piatnik GmbH & Co KG

Wenn Strehl das nur wüsste… „Erfolgreiche Spiele wie Trivial Pursuit oder Catan wurden zunächst von allen Verlagen abgelehnt. Im Nachhinein kann ich das verstehen. Sie unterschieden sich stark von dem, was bereits auf dem Markt war. Als Verleger hat man die Erfolge der Vergangenheit im Kopf und vergleicht neue Vorschläge damit, aber bei wirklich revolutionären Spielen hat man keine Anhaltspunkte und kann nur schwer vorhersagen, wie die Leute darauf reagieren werden.“

Neue Spiele werden nicht von klugen Köpfen bei Piatnik selbst erdacht. Wie ein Buch hat auch fast jedes Spiel einen Autor. Und genau wie Buchverlage werden auch Spieleverlage mit Vorschlägen überhäuft. Was vielversprechend erscheint, wird von professionellen Teams in unterschiedlichen Konstellationen weiterentwickelt und getestet und kommt bei positivem Feedback auf den Markt. „Aber es bleibt subjektiv.  Man macht jedes Jahr viele Fehler und kann nur hoffen, dass sich unter all den Produktentscheidungen ein einziger neuer Klassiker befindet.“

Piatniks eigener „Klassiker“ ist Activity: ein Partyspiel für mehrere Teams, bei dem jedes Team Begriffe erraten muss, indem es sie beschreibt, zeichnet oder mit Gesten darstellt. Strehl: „Wir haben 11 Millionen Exemplare davon verkauft, und in Ungarn und Deutschland wurde es zur Grundlage für eine Spielshow im Fernsehen – was natürlich zum Erfolg beigetragen hat. Besonders beliebt ist es übrigens in Deutschland und weiter östlich, weil es im Westen bereits ähnliche Spiele auf dem Markt gab.“

Was ist das Geheimnis von Klassikern?

Narrentarock von Piatnik, um 1855 © Sammlung Wien Museum

Narrentarock von Piatnik, um 1855 © Sammlung Wien Museum

Welches Spiel zum Klassiker wird, kann Strehl zwar nicht vorhersagen, aber er hat eine Ahnung, warum Klassiker wie Monopoly, Risiko oder Scrabble ungebrochen beliebt sind. „Die Leute wollen keine Spielregeln lesen. Wenn man viermal im Jahr an einem langweiligen, verregneten Tag ein Spiel spielt, greift man nicht zum neuesten Strategiespiel. Dann spielt man etwas, das jeder schon mehr oder weniger kennt, wie Scrabble oder ein Kartenspiel. Das ist der Grund, warum Klassiker aktuell bleiben und immer wieder gekauft werden. Die Neuheiten und komplizierten Spiele sind etwas für Nerds, die gerne Gehirngymnastik betreiben und denen es nichts ausmacht, sich durch 100 Seiten Regeln zu lesen.“

Folglich verschwindet der Großteil der etwa 25 neuen Spiele, die Piatnik jedes Jahr herausbringt, bald wieder vom Markt, wie übrigens auch bei anderen Verlagen. Warum versuchen sie es also weiter? „Nun, wir sind wie die Hersteller von Molkereiprodukten. Die bringen auch immer wieder neue exotische Geschmacksrichtungen auf den Markt, in der Hoffnung auf Erfolg, auch wenn am Ende nur Erdbeerjoghurt übrig bleibt.“

Warum keine Computerspiele?

Vitrine mit klassischen Spielkarten im Sitzungssaal. Links, ein Porträt von Ferdinand Piatnik © FREN Media, Frits Roest

Vitrine mit klassischen Spielkarten im Sitzungssaal. Links, ein Porträt von Ferdinand Piatnik © FREN Media, Frits Roest

Piatnik stellt keine Computerspiele her und wird es (vorerst) auch nicht tun, weil sie einfach nicht zu den Werten wie Spaß und Gemeinschaft passen, die in der DNA des Familienunternehmens stecken. Strehl hat keine Angst vor der Konkurrenz. „Auch für Musik und Theater gibt es digitale Alternativen, aber die Leute gehen nach wie vor zu Live-Vorstellungen.“

Das Zielpublikum für Spiele hat sich schon verändert. „Als ich 1983 hier anfing, waren vor allem Jungen zwischen 8 und 12 Jahren unsere Kunden, aber die spielen heute lieber mit ihren Smartphones. Heutzutage werden die meisten Brettspiele für Erwachsene hergestellt und von diesen gekauft. Meine Eltern wären nie auf die Idee gekommen, Freunde zu einem Scrabble-Abend einzuladen. Sie spielten Bridge und nahmen an Turnieren teil. Kartenspiele waren gesellschaftlich akzeptiert, Brettspiele nicht. Heute hingegen werden viele Spieleabende für und von Erwachsenen organisiert. Es ist viel weniger ein ‚Kinderspiel‘.“

Wenn Kinder älter werden, davon ist Strehl überzeugt, werden sie trotzdem den Weg zu Spielen finden. „Es macht Spaß, man lernt Mädchen oder Buben kennen, verbringt eine schöne Zeit miteinander und erfährt etwas über den Charakter des anderen.“

Mehr Informationen über Piatnik, seine Karten, Spiele und Puzzles sowie Verkaufsadressen: piatnik.com

Eine gute Gelegenheit, die neuen Spiele der Verlage, darunter auch die von Piatnik, auszuprobieren, ist die jährliche Spielemesse in Essen im Oktober, eine der größten weltweit. Informationen: spiel-essen.de

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© FREN Media, Frits Roest
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