Steyr

Traktoren

Text: Emely Nobis / Bild: Frits Roest

Wie eine Traktorenfabrik aus Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg wiedergeboren wurde und heute Fans auf der ganzen Welt hat.

Wer war der Gründer?

Es begann mit dem Industriellen Josef Werndl (1831-1889), der 1864 die Rüstungsfabrik STEYR Werke in Steyr (Oberösterreich) gründete. Später stellte das Unternehmen auch Fahrräder, Autos und Traktoren her.  Von 1934 bis 1990 war Steyr Teil des Konglomerats Steyr-Daimler-Puch.  1990 wurde die Traktoren- und Landmaschinenindustrie unter dem Namen Steyr privatisiert und gehört heute zum CNH Industrial Konzern – mit dem italienischen Unternehmen Agnelli als größtem Anteilseigner. Das macht Steyr nicht weniger österreichisch. Das europäische Hauptquartier befindet sich immer noch in Österreich, und alle Steyr-Traktoren werden im Land hergestellt. Dies geschieht nun in St. Valentin zwischen Steyr und Linz.

Wann ist das Unternehmen umgezogen?

Im Jahre 1947. Die heutigen Fabrikgebäude in St. Valentin (Niederösterreich) wurden 1941 von den Nationalsozialisten für die Produktion von Panzerwagen gebaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie von den russischen Besatzern geleert und 1947 an Steyr-Daimler-Puch übergeben, um die Produktion von Traktoren wieder aufzubauen (die während des Krieges praktisch zum Erliegen gekommen war). „Von da an bauten wir Traktoren am Fließband. Deshalb sehen wir 1947 als unsere zweite Geburt“, sagt Wolfgang Müller. Als Leiter des Experience Center Steyr ist er für Werksbesichtigungen zuständig. Führungen in einer Traktorenfabrik? „Ja, das Interesse ist enorm, denn Steyr hat Fans und Kunden auf der ganzen Welt. Die Marke ist Marktführer in Österreich. Auch das hat etwas mit Geschichte zu tun. Jeder aus der Kriegsgeneration in dieser Region kaufte einen Steyr, wenn auch nur aus praktischer Sicht. Da Ersatzteile schwer zu beschaffen waren, war die Nähe der Fabrik günstig“.

Steyr ist nach wie vor in der Region verwurzelt. Viele der sechshundert Beschäftigten (von denen zweihundert in der Produktion tätig sind) arbeiten dort in der dritten oder vierten Generation. Von den Männern, die die Traktoren bauen (denn ja, es sind zumeist Männer), haben mehr als die Hälfte einen landwirtschaftlichen Hintergrund und ein großer Teil hat daneben einen Bauernhof mit etwa zehn Kühen und einigen Hektar Weide- und Waldfläche. Dadurch haben sie ein zusätzliche Bindung. Unsere Leute sind stolz auf ihre Arbeit.

Warum rot-weiß-rot?

Die Karosserie von Steyr-Traktoren ist immer rot-weiß-rot, mit einem weißen Streifen zwischen zwei roten Bereichen. Als die Produktion 1947 wieder aufgenommen wurde, waren sie standardmäßig grün. „Diese Farbe war nach dem Krieg zunächst leicht zu bekommen“, sagt Müller. „Erst in den 1970er Jahren haben wir auf patriotisches Rot-Weiß-Rot umgestellt: die Farben der Republik Österreich.“

Etwa die Hälfte der etwa 40.000 gebauten grünen Modelle ist noch immer in Gebrauch. „Nicht, dass Sie sich einen Traktor fürs Leben kaufen würden. Vielleicht trifft das auf einen Kleinbauern zu. Professionelle Landwirte schreiben einen Traktor in drei bis vier Jahren ab und kaufen dann einen neuen. Der alte Traktor funktioniert dann immer noch gut, so dass es einen lebhaften Gebrauchtmarkt gibt. Hinzu kommt, dass die meisten Landwirte mehr als einen Traktor besitzen, sondern alle fünf bis zehn Jahre eine zusätzliche Maschine kaufen. Es ist eine Form von Sammlerrausch“.

Ein kostspieliger Sammelrausch: Man kauft einen kleinen Traktor ab 40.000 Euro und für die echten Riesen zahlt man eine Viertelmillion Euro. Ein moderner Traktor ist mindestens so komfortabel wie ein Auto, mit ergonomischen Sitzen, Klimaanlage, GPS, avanciertem Computer und Sicherheitsglas.

Was macht Steyr besonders?

Neben den Steyr-Traktoren werden im Werk in St. Valentin auch Traktoren der Marke Case IH montiert. Sie sind beide gut, aber sehr unterschiedlich in Aussehen, Innenausstattung, Anwendungen und technischen Spezifikationen. Nur wenige Menschen wissen, so Müller, dass ein Traktor aus rund zweitausend Teilen besteht. Und selbst wenn sie auf einem Förderband montiert werden: Von den zehntausend Traktoren, die jedes Jahr die Fabrik verlassen, sind keine zwei gleich. Jeder Traktor ist bereits von einem Kunden oder Händler bestellt worden und wird den Anforderungen angepasst. Diese haben unter anderem mit der Art des Bodens, der Art der Nutzung oder den Maschinen zu tun, die dahinter hängen müssen. Wir bauen hier etwa fünfzig Traktoren pro Tag, aber wir bauen nie fünfzig Mal am Tag den gleichen Traktor“.

Wo erleben Sie es?

Jeder kann in St. Valentin eine Werksbesichtigung mitmachen. In einer Halle sieht man die Kabinen entstehen. In der anderen Halle folgen Sie dem Förderband, auf dem die Traktoren montiert werden: vom Aufstellen des Fahrgestells bis zur Montage des Auspuffrohrs und der Lampen. Das ist auch für Nicht-Landwirte mächtig zu sehen. Beeindruckend ist auch der „Parkplatz“ im Freien, auf dem etwa hundert Traktoren wie Bäume im Wald auf ihren Transport warten. Für Privatpersonen gibt es jeden ersten Mittwoch im Monat eine kostenlose Führung. Gruppen auf Anfrage. steyr-traktoren.com

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