Gmundner Keramik

Text: Emely Nobis / Bild: Frits Roest

Wie Gmundner Keramik aus Großmutters Porzellanschrank nach einem Facelifting wieder völlig zeitgemäß ist und sogar UNESCO Weltkulturerbe wurde.

Milchlkanne, grün geflammt

Was ist Gmundner Keramik?

Teller, grün geflammt

Für die Österreicher ist Gmundner Keramik das, was was … ist für Deutsche: renommierte, handbemalte Keramik, die seit Generationen überdauert hat. Jeder zweite Haushalt in Österreich hat etwas von Gmundner in seinem Schrank. Die älteste und bekannteste Linie ist die Grüngeflammte, mit grünen gewundenen Linien in allen möglichen Mustern. Von diesem geflammten Dekor gibt es nun auch eine gelbe, rote, blaue und hellgraue Variante. Andere beliebte Geschirrteile sind zum Beispiel mit einem Hirsch, mit Blumen oder mit dem Skifahrer Toni geschmückt.

Wann hat es begonnen?

Hirsch malen

Die Wurzeln reichen etwa vierhundert Jahre zurück. Die Region rund um den Traunsee erwies sich dank des Vorhandenseins von Lehm, Wasser, Kieselstein und Holz als sehr geeignet für die Herstellung von Kachelöfen. Dort siedelten sich zahlreiche Ofenbauer an, die neben Keramikkacheln bald auch keramische Schalen, Krüge und Vasen zu backen und zu dekorieren begannen. In April 2021 wurde das „Traditionelle Handwerk in Gmunden: das Flammen von Keramik“ ausgezeichnet als immaterielles Kulturerbe der UNESCO.

Das grün geflammte Muster, das heute das Markenzeichen von Gmundner Keramik ist, entstand vor etwa dreihundert Jahren. Wer ihn damals entworfen hat, weiß niemand mehr. Gmundner Keramik selbst wurde erst 1903 als „Gmundner Thonwarenfabrik“ von Leopold Schleiß gegründet und erhielt 1926 ihren heutigen Namen. In den ersten Jahren produzierte das Unternehmen hauptsächlich Keramikkunst in Zusammenarbeit mit lokalen Künstlern. Heute sind viele ihrer Kreationen wertvolle Sammlerstücke. Ende der sechziger Jahre vollzog Gmundner Keramik unter einem neuen Eigentümer den endgültigen Wechsel zum Geschirr, das grün geflammte Geschirr wurde in Produktion genommen und begann seinen Vormarsch durch Österreich.

Wer macht es?

Heublumen malen

Gmunder Keramik, seit 1997 im Besitz der Adelsfamilie Von Moy, beschäftigt rund hundertzwanzig Mitarbeiter. Bevor ein Geschirrartikel in den Verkauf gelangt, ist er mindestens sechzig Mal durch die Hände eines Menschen gegangen. So wird es geformt, glasiert, zweimal gebrannt, bemalt und kontrolliert. „Hinter jedem Produkt steckt mehr Mensch als Maschine“, sagt Produktionsleiter Alexander Georgiades – selbst aus einer Töpferfamilie.

Die etwa vierzig Keramikmaler (ein Mann!) werden intern ausgebildet, aber in den letzten Jahren wurde auch viel in andere Mitarbeiter investiert. Sie mussten das Produkt besser kennen lernen und mehr im Team arbeiten – denn es gab nicht genug Innovation. Georgiades ermutigte alle zum Experimentieren. Dies führte unter anderem zu einer besseren Art und Weise, das geflammte Muster auf Geschirrteile zu malen.  Dies geschah früher mit Hilfe eines mit Farbe gefüllten Kuhhorns, von dem die Spitze abgeschnitten worden war. Später wurde dieses Horn aus Keramik hergestellt, aber die Maler mussten es immer noch sehr oft nachfüllen. Das brauchte Zeit und verursachte Farbbrüche im Muster. Kürzlich hat einer unserer Mitarbeiter dafür eine Lösung gefunden. Er entwickelte eine automatische Farbspritze mit einem Pinsel am Ende, so dass die Farbe nun kontinuierlich fließen kann. Eine solche Innovation kommt also aus der Praxis“.

Warum wäre es fast schief gegangen?

Teller, grün geflammt und Hirsch

„Gmundner Keramik erlitt jahrelange Verluste. Da jedes unserer Produkte handgefertigt und daher einzigartig ist, konnten wir preislich nicht mit maschinell hergestellten Marken konkurrieren“, sagt Georgiades ehrlich. „Außerdem litten wir unter einem altmodischen Image. Jeder in Österreich kennt sie aus der Vergangenheit. Junge Leute wie ich sprachen oft über Oma-Geschirr. Wir mussten ‚abstauben‘, der alten Marke ein neues Image geben.“

Und so wurden die Teller, Tassen und Schüsseln für die Verwendung in Mikrowellenherden und Geschirrspülmaschinen geeignet gemacht. Es wurden mehr zeitgenössische Designs vorgestellt und in der jüngsten Marketingkampagne präsentierten junge, künstlerisch aussehende Menschen die Kollektion. Dass Gmundner seit 2014 wieder schwarze Zahlen schreibt, liegt laut Georgiades aber auch am Zeitgeist. In einer Gesellschaft, die immer schneller, globaler und digitaler wird, sind die Menschen wieder auf der Suche nach authentischen, regionalen und qualitativ hochwertigen Produkten.

Und damit erstrahlt die alte, vertraute und handgemachte Gmundner Keramik nach einem kleinen Facelifting wieder in alter Pracht.

Wo kann man es erleben?

Platz vor der Gmundner Keramik

Gmundner Keramik wird in der Stadt Gmunden, die am Traunsee in Oberösterreich liegt, hergestellt. Die Manufaktur in der Keramikstraße ist dank der riesigen, grün geflammten Tasse mit Untertasse vor dem Eingang nicht zu übersehen. Täglich werden dort rund fünftausend Geschirrteile hergestellt.

Auf dem Gelände befindet sich auch ein Brand-Store. Die Töpferwaren werden auch in den eigenen Geschäften in Wien und Salzburg, in österreichischen Designshops und über den Webshop  gmunden.at  angeboten. Dort finden Sie auch Informationen zu Öffnungszeiten, Führungen und Workshops.

Keramikstraße 24, gmunder.at

Godenschale

Gmundner - Godenschale

Godenschale © Gmundner Keramik

K 133: Hinter dieser Inventarnummer verbirgt sich in den Sammlungen des Oberösterreichischen Landesmuseums in Linz ein bedeutender Kulturschatz. Handelt es sich doch bei der Godenschale mit weißer Zinnglasur und grüngeflammtem Dekor um die weltweit älteste erhaltene Schale in dieser Technik. Die Deckelschale ist mit zwei plastisch ausgeformten Engelsköpfen als Handhaben ausgestattet und hat einen Durchmesser von lediglich 16 Zentimeter. Hergestellt wurde sie in Gmunden im 2. Viertel des 17. Jahrhunderts; wieder gefunden wurde die Godenschale 1907 bei Umbauarbeiten in Schwanenstadt.

Im November 2021 ist die Godenschale zu bewundern in eine Ausstellung zur  Gmundner Keramik im Schlossmuseum Linz. Erzählt wird auch die Entwicklung von einstmals vielen Werkstätten bis zu einer der wenigen, heute noch bestehenden. In begleitenden Workshops – eine Kooperation mit dem Unternehmen Gmundner Keramik – können unterschiedliche Techniken erlernt und vertieft werden.

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