Tradition

Glöckler Ebensee

Text: Emely Nobis

Jeden fünften Jänner ist Ebensee am Traunsee (Oberösterreich) in der Hand der Glöckler. Sobald die Dunkelheit einbricht, ziehen rund 400 Gestalten mit großen, beleuchteten Kappen durch die Straßen und überall ertönt der Klang von Kuhglocken. In 2010 ist die Tradition in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Unesco aufgenommen worden.
Glöckner Ebensee Kappenmotiv

Glöckner Ebensee Kappenmotiv © FREN Media, Frits Roest

Wie im Märchen… so erlebt man Ebensee am 5. Jänner, der letzten Rauhnacht und Vorabend des Dreikönigstages, wenn von sechs Uhr abends bis gegen Mitternacht Gruppen von Glöcklern mit Kuhglocken auf dem Rücken und so genannten Kappen auf dem Kopf durch die Straßen und Gassen des Dorfes ziehen. Diese kolossalen Kopfbedeckungen – mit einem Durchmesser von bis zu zwei Metern – sind die eigentliche Attraktion. Sie haben die Form von Tieren (Hirschköpfe, Böcke), Kirchen, Schiffen oder geometrischen Formen wie Sechsecken, Halbkreisen oder Sternen. Einige sind mit Szenen aus Märchen und Legenden geschmückt oder zeigen eine sorgfältig nachgebildete Landschaft oder Dorfansicht. Andere sind völlig abstrakt und wecken Assoziationen mit den Glasfenstern einer Kirche.

In ganz Ebensee gehen an diesem Abend die Lichter aus, so dass die Kappen mit ihren von innen mit Kerzen beleuchteten bunten Mustern in der Dunkelheit besonders schön funkeln. Es ist, als ob eine magische Prozession von riesigen Laternen vorbeizieht. Die 1873 erstmals dokumentierte Tradition zieht jedes Jahr Tausende von Gästen von außerhalb an, wird aber vor allem von den Ebenseern selbst besonders geschätzt.

Das Wetter als Feind

Ebensee Glöckler Pass Rindbach

Ebensee Glöckler Pass Rindbach © TVB Traunsee Almtal Brainpark

Ebensee hat rund 20 Passen (=Gruppen): Oft sind es Nachbarn oder Mitglieder eines Vereins – wie die Freiwilligen Feuerwehr, eine Musikkapelle oder ein Sportvereins. „Jede Gruppe stellt ihre eigenen Lichterkappen her und ist das ganze Jahr über damit beschäftigt“, sagt Franz Gillesberger. Der Historiker und Leiter des  Museum Ebensee beschäftigt sich seit Jahren mit der regionalen Geschichte und Volkskunde und war als junger Mann selbst Mitglied eines Passes. „Ich denke gerne an diese Zeit zurück. Es entstehen Freundschaften, die manchmal ein Leben lang halten. Natürlich ist auch viel Idealismus im Spiel, denn es handelt sich um eine ehrenamtliche Tätigkeit. Die größte Kopfbedeckung wiegt über 20 Kilo und umfasst mindestens fünf- bis sechshundert Arbeitsstunden. Sie werden daher mehrere Jahre lang verwendet und bleiben Eigentum des Passes, auch wenn der Träger ausscheidet“.

Bei der Herstellung einer Kopfbedeckung werden die Aufgaben aufgeteilt. Derjenige mit dem größten kreativen Talent ist für das Design verantwortlich. Er oder sie fertigt eine Reihe von Skizzen an, aus denen die ganze Gruppe eine Auswahl trifft. Dann beginnt die handwerkliche Arbeit. Die Basis einer „Kappe“ bildet ein Gestell aus Holzleisten, welches mit (Pergament-, Ton- oder Papp-) papier überzogen ist. Durch das Ausstanzen von Ornamenten oder durch Ausschneiden von Bildern entstehen verschiedene Muster und Motive, welche mit verschiedenfärbigem Buntpapier hinterklebt werden. Die Kanten und Ränder der Kappen sind  mit Papierfransen verziert. Schließlich werden die Kerzenhalter so am Rahmen befestigt, dass auch die hinterste Ecke der Kappe von innen beleuchtet werden kann und so die typischen Lichteffekte erzeugen. Durch die Luftlöcher können Rauch und Wärme der Kerze entweichen.

Nein, trotz der Verwendung von Kerzen ist es eher die Ausnahme, dass eine Kappe Feuer fängt, versichert Gillesberger. „Das Wetter kann allerdings ein großer Feind sein. Ich erinnere mich an einen Tag mit extrem nassem Schneeregen, der einen großen Teil der Kappen zerstörte, weil sich das Papier sozusagen auflöste. Ein anderes Mal gab es einen so heftigen Sturm, dass viele Kappen auf dem Boden landeten und unbrauchbar wurden. In dieser Region gibt es auch eine Reihe anderer Orte mit einem Glöcklerlauf. Dort wird die Veranstaltung manchmal verlegt oder abgesagt, wenn die Wettervorhersage ungünstig ist. Das ist in Ebensee undenkbar. Unsere Glöckler sind hartnäckig. Unsere Lauf ist die älteste, traditionellste und, wenn ich das sagen darf, auch die schönste.“

Sauerkraut und Bratwurst

Ebensee Glöckler Freiwillige Feuerwehr

Ebensee Glöckler Pass Freiwillige Feuerwehr © TVB Traunsee Almtal Brainpark

Jeder Pass besteht aus neun bis fünfundzwanzig Glöcklern, begleitet von einem vermummten Vorläufer, der den Weg weist und frei macht, mehreren Trägern (die die größten und schwersten Kopfbedeckungen tragen), Absammlern, die Spenden beim Publikum sammeln, und einem Anzünder, der dafür sorgt, dass ausgebrannte oder ausgeblasene Kerzen (die über Türchen in der Kappe zugänglich sind) wieder angezündet oder ersetzt werden – so dass jede Kappe ständig brennt. Alle Pass-Mitglieder tragen weiße Gewänder und einen Gurt mit einer oder mehreren Kuhglocken.

Wenn die Dämmerung am 5. Januar einbricht, versammeln sich die verschiedenen Pässe ab etwa 18 Uhr im Zentrum von Ebensee, um vor allem für die auswärtigen Besucher ihre Kappen und Lauffiguren vorzustellen. Während Weisenbläser Hirtenweisen spielen, führen Gruppen von Läufern festgelegte Tanzfiguren vor (Kreise für die einen, Spiralen oder die Zahl Acht für die anderen), während sie ihre Glocken so laut wie möglich läuten. Am Ende eines Tanzes verbeugt sich die Gruppe auf ein Signal des Vorläufers, der dann den Anwesenden Glück und Segen für das kommende Jahr wünscht. Mit dem Spruch ‘Die Glöckler darve bitte um ein Spend’ sammeln die Absammler dann Geld ein.

Während sich dieser Teil der Tradition vor allem an die breite Öffentlichkeit richtet, beginnt der eigentliche Glöcklerlauf erst danach. Dann geht jede Gruppe in einem anderen Stadtteil zu den Gast- und Privathäusern. Gillesberger: „Wir laden dann immer Freunde nach Hause ein, um gemeinsam Sauerkraut mit Bratwurst zu essen und auf den Glöckler zu warten. Wenn wir sie kommen hören, gehen wir nach draußen. Sie führen ihren Tanz auf, man dankt ihnen und dann bekommen sie etwas zu essen und zu trinken und auch etwas Geld. Wir tun das gerne, weil wir wissen, dass die Herstellung der Kappen viel Geld kostet.

Heischebrauch

Ebensee Glöckler Pass Rindbach

Ebensee Glöckler Pass Rindbach © TVB Traunsee Almtal Brainpark

Über den Ursprung und die Bedeutung des Glöcklerlaufs kursieren mehrere Geschichten. So soll es beispielsweise ein heidnischer Brauch sein, den Winter zu vertreiben und die Frühlingskräfte im Boden zu wecken. „Als ob Ebensee damals schon bevölkert gewesen wäre, geschweige denn, dass man damals Papier hatte, um solche Hüte zu machen“, spottet Gillesberger. Seiner Meinung nach handelt es sich um ein „Märchen“, das von den Nationalsozialisten erfunden wurde, die einfach jede Tradition als „germanisch“ oder „vorchristlich“ bezeichnen wollten. „Während des Nationalsozialismus mussten auf Anordnung der Machthaber Kopfbedeckungen zwangsweise mit Runenzeichen und anderen germanisch anmutenden Symbolen versehen werden. In den Jahren 1938 und 1939 trat Ebenseer Glöckler mit solchen Hüten bei einer Volksschau in Goslar und in Berlin am Brandenburger Tor auf“.

„Der eigentliche Ursprung der Tradition ist viel prosaischer“, weiß Gillesberger. Es handelt sich um einen sogenannten Heischebrauch. Heischen ist ein Euphemismus für betteln. In armen Regionen durften diejenigen, die nichts hatten – zum Beispiel weil sie krank oder arbeitslos waren – an bestimmten Tagen im Jahr von Tür zu Tür gehen und diejenigen, die etwas mehr hatten, um Almosen bitten, meist in Form von Lebensmitteln wie Eier und Milch. Das Wort Glöckler leitet sich also von Klöckeln ab, was so viel bedeutet wie „an die Tür klopfen“.

Auch im Salzkammergut herrschte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts große Armut. Fast alle Ebenseer arbeiteten in oder für die Salinen, die der Region Reichtum gebracht hatten. Die meisten waren damit beschäftigt, das Holz aus den umliegenden Wäldern zu den Salinen zu bringen, wo es zum Heizen der Sudpfannen benötigt wurde. Nach dem Bau der Eisenbahn wurde das Holz durch Braunkohle ersetzt, und viele dieser Holzfäller verloren ihren Arbeitsplatz. Gillesberger: „Da die Ebenseer zu stolz waren, um ohne Gegenleistung um Geld oder Essen zu bitten, beschlossen sie, im Austausch Unterhaltung anzubieten. Die ersten Kappen wurden aus dem in den Bergwerken verwendeten Verpackungsmaterial hergestellt. Auch die weißen Gewänder erinnern an diese Zeit, denn weiße Kittel waren die Berufskleidung der Bergleute.“

Frauen und junge Menschen

Ebensee Glöckler Pass Rindbach

Ebensee Glöckler Pass Rindbach © TVB Traunsee Almtal Brainpark

Die Kappen wurden mit der Zeit größer und kunstvoller, und allmählich verlor die Tradition ihren ursprünglichen Zweck, obwohl einige Elemente – wie die Bitte der Absammler um Spenden – erhalten blieben. Von Ebensee aus verbreitete sich der Brauch später im gesamten Salzkammergut und sogar bis in die Steiermark (in Hinterwildalpen). Nur der originale Ebenseer Glöcklerlauf steht auf der Liste des Immateriellen Kulturerbes der Unesco. Wichtig für die Unesco ist, dass die Tradition hier durch die Einbeziehung junger Menschen lebendig gehalten wird. Es gibt nicht nur separate Kinder- und Jugendpässe, sondern die künstlerischen und handwerklichen Fertigkeiten, die zur Herstellung der Kappen erforderlich sind, werden von Generation auf Generation weitergegeben. Gleichzeitig handelt es sich um eine lebendige Tradition, die sich ständig dem Wandel der Zeit anpasst. Gillesberger: „In der Vergangenheit durften in einigen Pässen nur unverheiratete junge Männer aufgenommen werden. Heutzutage ist die Heirat kein Ausschlussgrund mehr, und seit einigen Jahrzehnten nehmen auch Mädchen und Frauen teil, und es gibt auch Weiberpässe mit nur Frauen“.

In den Pandemiejahren 2021 und 2022 durfte der Glöcklerlauf zwar offiziell nicht stattfinden, aber die Ebenseer Glöckler drehten ihre Runden – nur ohne das sonst übliche Publikum. „Eigentlich war das ganz schön“, sagte Gillesberger. „Es erinnerte mich ein bisschen an meine Kindheit, als auch keine Fremden zum Zuschauen kamen und man sich richtig freute, wenn die Glöckler am Haus vorbeigingen, denn das brachte auch ein bisschen Glück.“

Selber einen Glöcknerlauf erleben? Angesichts des zu erwartenden Andrangs sollten Sie Ihre Unterkunft rechtzeitig buchen (einige Hotels bieten auch Übernachtungen mit Transport zum Glöcklerlauf an). Mehr Informationen zu allen Veranstaltungen in Ebensee: ebensee.at

Glöckler im Museum

Glöckner-Kopfbedeckung im Museum Ebensee

Glöckner-Kopfbedeckung im Museum Ebensee © FREN Media, Frits Roest

Auch wenn es in Ebensee nur am 5. Jänner einen Glöcklerlauf gibt, an den anderen Tagen lebt die Tradition im Museum Ebensee weiter, wo im Dachgeschoss eine Dauerausstellung diesem Brauch gewidmet ist. Dort können Sie sich Filme mit historischen Aufnahmen ansehen, mehr über die verschiedenen Rollen in einem Pass erfahren und eine große Anzahl schön dekorierter Kappen sehen: Die werden hier übrigens aus Gründen des Brandschutzes von innen mit LED-Lampen statt mit Kerzen beleuchtet. Das Museum zeigt auch eine der ältesten noch gut erhaltenen Kappen (aus dem Jahr 1916), die aus Verpackungskarton aus den Bergwerken hergestellt wurde.

Im Museum erfahren Sie auch etwas über drei (!) andere Ebenseer Traditionen, die ebenfalls zum immateriellen Kulturerbe der Unesco gehören: Der Fetzenzug (Rosenmontagsumzug), der Singvogelfang und das Krippenwesen. Weitere Schwerpunkte sind die Entwicklung des Tourismus in der Region und der Salzabbau, der in Ebensee immer noch eine wichtige Rolle spielt. Das Museum selbst befindet sich in einem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Saline.

Weitere Informationen und Öffnungszeiten: Kirchgasse 6 in Ebensee am Traunsee, museumebensee.at

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