Enns

Die älteste Stadt Österreichs

Text: Emely Nobis / Bild: Frits Roest

Enns in Oberösterreich ist eine jener Städte mit einem schönen historischen Zentrum und leidenschaftlichen Einwohnern, die sich für den Erhalt ihres authentischen Charakters einsetzen. Umso mehr ein Grund, die älteste Stadt Österreichs zu besuchen.

links: Stadtturm, rechts: Barockhof

Das Wahrzeichen von Enns ist der freistehende, 60 Meter hohe Glockenturm am Hauptplatz. Dieses stolze Renaissance-Denkmal mit seiner auffallend bemalten Fassade und seiner Sonnenuhr ist ein wahres Prunkstück dieser Region mit fast überall barocken Türmen. Der Glockenturm wurde zwischen 1564 und 1568 gebaut, als der Handel mit Wein, Holz, Eisen, Salz und Leinen hier florierte. Aus den Archiven der Schiffer von Enns geht hervor, dass die Stadt 1566 der größte Hafen an der Donau zwischen Passau und Wien war. Sogar Kaufleute aus den Niederlanden kamen hierher auf die Märkte. Es war auch die Zeit der Reformation. Der evangelische Stadtrat forderte vom Kaiser einen Turm für seine neue Pfarrkirche in einem ehemaligen Franziskanerkloster. Der Turm sollte nicht in der Nähe der Kirche selbst (die zu weit vom Zentrum entfernt war), sondern prominent auf dem Marktplatz errichtet werden. Der Kaiser war mit der Forderung der reichen Bürger einverstanden und der repräsentative Turm wurde gebaut.

Übernachtung im Turmzimmer

Turmhotel Enns @ TSE GmbH_Homolka

Wir beginnen unseren Stadtbesuch mit dem Aufstieg über die 157 Stufen zur Aussichtsplattform in diesem Turm. Unter uns liegen der große Marktplatz und das historische Stadtzentrum. Der Hauptplatz ist von einer schön geschlossenen Front pastellfarbener, überwiegend barocker Häuser umgeben. Zumindest sah es so aus, als wir unten waren. Wenn wir jetzt auf den Platz hinunterblicken, können wir viel besser erkennen, dass die Gebäude aus zahlreichen Stilepochen stammen: Gotik, Renaissance, Barock, Klassizismus. Der Kern der meisten Häuser ist spätgotisch: Die damals trendigen Barockfassaden wurden später von den reichen Bürgern einfach vor die alten Fassaden gesetzt, um damit zu protzen. Diese Fassaden sind in vielen Fällen höher als die Häuser selbst. Deshalb sind die Fenster im obersten Stockwerk manchmal unecht: Wenn man genau hinschaut, sieht man den Himmel dahinter.

Bis 2005 war der Turm von Türmerin Klara Höllmüller bewohnt. Diese letzte Turmwärterin musste die Stadt nicht mehr bewachen, überwachte aber immer noch das Uhrwerk und läutete die sechs Glocken. Nach ihrem Auszug stand die ehemalige Wohnung leer, bis der Verein „Stammtisch der Herren zu Enns“ bei der Feier seines 1000. Stammtisches im Jahr 2008 dachte, dass es am besten wäre, sie in ein Hotelzimmer umzuwandeln. Natürlich gefiel es der Gemeinde anfangs nicht – schließlich steht der Turm unter Denkmalschutz – aber die Ennser Bürger gaben nicht so leicht auf und erhielten 2012 grünes Licht, unter Einhaltung aller relevanten Vorschriften. Die ehemalige Wohnung wurde sorgfältig restauriert und dann schlicht, aber luxuriös eingerichtet, mit sogar einer Regendusche im ehemaligen Kamin. Besonders Brautpaare mögen die 71 Stufen zum Hotelzimmer für eine Hochzeitsnacht in diesem einzigartigen Ambiente in Kauf nehmen. Bei geschlossener Tür werden Sie nicht einmal die jetzt mechanisch betriebenen Glocken über Ihrem Kopf sehr laut hören! turmhotel.at

Cittaslow

Schlosshof

Wir setzen unseren Stadtrundgang durch die stimmungsvolle Straßen und Gassen zu den noch intakten Teilen der alten Stadtmauer fort, die aus einem inneren und äußeren Ring mit Graben, Wall und Hundezwinger bestand. Von den ursprünglich fünfzehn Türmen sind vier noch erhalten, ebenso wie Teile von zwei der vier Tore. Zur Stadtbefestigung gehörte auch Schloss Ennsegg, ein wunderschön renoviertes Schloss aus dem Jahr 1483 mit zwei Innenhöfen. Einst für die Gouverneure gebaut, beherbergt es heute eine Musikschule, die Polizeistation, das Standesamt und eine Reihe von Slow Food-Restaurants. Enns wurde 2007 als erste Stadt in Österreich mit dem Titel Cittaslow ausgezeichnet und ist damit Teil des Slow Food-Netzwerks von Orten, die regionale Kochtraditionen „retten“ und den individuellen Charakter von Städten bewahren wollen. „Mit über hundert Vereinen besteht eine große Verbundenheit zwischen unseren Bewohnern“, sagt der Gastronomie- und Tourismusvorsitzende Wolfgang Brunner. „Das wollen wir nicht verlieren, und deshalb sind wir bei der Organisation von Veranstaltungen sehr aktiv.“

Schloss Ennsegg

Im Sommer zum Beispiel Filmvorführungen im Park von Schloss Ennsegg und kostenlose Konzerte auf dem Hauptplatz während Città Musica. Sehr beliebt ist auch eine wöchentliche Yogastunde im Schlosspark (Yoga im Park).

Wie auch anderswo sind die Supermärkte längst vom Zentrum an den Stadtrand gezogen. Um dem Leerstand entgegenzuwirken, wurde ein Projekt mit Pop-up-Shops gestartet. Unternehmer mit besonderen Ideen können für wenig Geld eine Immobilie mieten und so ohne großes Risiko testen, ob ihr Konzept tragfähig ist. Brunner: „Wir haben viel lieber solche kleinen, individuellen Geschäfte und Boutiquen als die Ketten, die man überall findet“.

Römische Legion

Zurück auf dem Hauptplatz gehen wir zum Museum Lauriacum im ehemaligen Rathaus. Hier wird die Urkunde von 1212 aufbewahrt, in der Enns seine Stadtrechte erhielt. Da es sich um das älteste erhaltene Originaldokument dieser Art in Österreich handelt, darf sich Enns als älteste Stadt des Landes bezeichnen. Reinhardt Harreither, Archäologe, Historiker und Museumsdirektor, erzählt, dass die Blütezeit von Enns als Handelsstadt zu Ende ging, als viele Bürger während der Gegenreformation gezwungen wurden, die Stadt zu verlassen. Auch die Pestepidemie von 1625 forderte viele Opfer. 1798 drohte sogar der Stadtturm abgerissen zu werden. Harreither: „Traditionell gab es viel Konkurrenz zwischen Enns und dem nahe gelegenen Steyr. Als Enns seine Macht verlor, verlangte Steyr von der Bezirksverwaltung, dass der hässliche und nutzlose Ennser-Turm entfernt werden solle: Schließlich könne das Uhrwerk auch am Rathaus angebracht werden und die Steine des Turms seien ein hervorragendes Baumaterial. Die Ennser leisteten aber Widerstand. In einem Brief argumentierten sie erfolgreich, warum der Turm bleiben sollte. Ein wichtiges Argument war, dass die Uhr weniger sichtbar sein würde, wenn sie am Rathaus hängen würde“.

Im Jahre 1860 wurde der Turm erneut bedroht. Durch Sturm und Regen wurde das siebzehn Meter hohe Kupferdach stark beschädigt. Der Stadtrat wollte das Kupfer verkaufen und durch ein praktisches flaches Dach ersetzen. Wieder protestierte die Bevölkerung und da Wahlen unmittelbar bevorstanden, wagten die gewählten Volksvertreter nicht, ihre Pläne zu verwirklichen.

Mauthausener Strasse

Das Museum Lauriacum erzählt die Geschichte von Enns seit dem Mittelalter. Es ist auch eines der wichtigsten Museen der Römerzeit in Österreich, darunter der größte römische Silberschatz des Landes, 19.000 römische Münzen, mehrere Torsi und einzigartige Wandfresken. Alle Funde stammen aus Enns und Umgebung. Im zweiten Jahrhundert n. Chr. war die Stadt unter dem Namen Lauriacum eine große römische Garnisonsstadt an der Limes, der militärischen Grenze des Imperium Romanum entlang der Donau. Das Lager im heutigen Stadtteil Lorch (westlich des Stadtzentrums) war 540 bei 400 Meter groß und von Grabstätten umgeben. Dort waren etwa sechstausend Soldaten stationiert. Harreither: „Ich erinnere mich, dass vor etwa fünfzig Jahren große Teile des Geländes brach lagen. Wenn man eine Schaufel in den Boden steckte, traf man auf eine Scherbe. Als nach dem Krieg massenhaft Flüchtlinge nach Enns kamen, wurde es leider in Eile bebaut: aus heutiger Sicht natürlich eine Katastrophe“. Hauptplatz 19museum-lauriacum.at

Basilika

links: Portal, rechts: Gedenkstein

Am nächsten Morgen spazieren wir selbst nach Lorch. Mit seinen Appartementhäusern und großen Supermärkten sieht das Viertel auf den ersten Blick nicht sehr charmant aus. Dennoch lohnt sich die Wanderung hierher: ein wenig, weil die Nordostecke des ehemaligen Wassergrabens um das römische Lager im Bodenrelief des Parks noch deutlich erkennbar ist, aber vor allem aber wegen der mächtigen gotischen Basilika St. Lorenz, eines der wichtigsten frühchristlichen Kirchenbauten Österreichs. Im Jahr 1957 war die Kirche so baufällig, dass sie geschlossen wurde. Der Ortspfarrer wollte das nicht akzeptieren. Er war überzeugt, dass die Kirche auf römischen Überresten stand und ließ Ausgrabungen durchführen. Zwischen 1960 und 1966 wurden in der Tat die Überreste eines vornehmen römischen Hauses mit Fußboden- und Wandheizung freigelegt, wahrscheinlich eines Stadthalters oder Legionskommandanten. Dies machte die Kirche zu einer archäologischen Stätte und war damit gerettet. Für die Restaurierung wurde Geld gesammelt. Die Kirche erhielt einen sehenswerten modernen Altar und drei imposante Bronzerelieftore – alles vom Bildhauer Peter Dimmel. Im Presbyterium und im Keller sind nun die Reste früherer Bauphasen (keltische, römische und folgende Epochen) freigelegt worden. Es gibt auch eine Ausstellung über Funde, die bei den archäologischen Ausgrabungen gemacht wurden.

Sankt Florian

Auch die Lorenz-Basilika ist mit dem heiligen Florian verbunden, der überall in Enns zu finden ist: auf Kanaldeckeln, auf dem Gelände der Freiwilligen Feuerwehr, auf Brücken, in Hausnischen. Florian von Lorch war ein österreichischer Beamter im Dienst der römischen Armee in der Provinz Noricum (zu der Lauriacum gehörte). Als bekennender Christ hielt er seinen Glauben, der von den Römern verboten war, im Verborgenen. Nach seiner Pensionierung verließ er Lauriacum, aber als er hörte, dass etwa vierzig Christen aus seiner alten Heimatstadt verhaftet und zum Tode verurteilt worden waren, kehrte er zurück, um zu helfen. Als bekannt wurde, dass auch er konvertiert war, wurde er ebenfalls verhaftet und am 4. Mai 304 zusammen mit den Christen, denen er helfen wollte, mit einem Mühlstein um den Hals von der Brücke über die Enns in den Fluss geworfen.

Der Steinsarg mit den Gebeinen derer, die zusammen mit Florian gestorben sind, ist über all die Jahre erhalten geblieben und steht heute in einer Nische unter dem Hauptaltar der Basilika. Im Altar befindet sich auch eine (vermutlich) Reliquie des Florian selbst. Die Römer hatten seine Gebeine nach Rom mitgenommen und von dort aus gelangte er um 1200, zur Zeit des regen Reliquienhandels nach Krakau (Florian ist der Schutzpatron dieser Stadt). Im Jahr 1988 brachte der polnische Papst Johannes Paul II. persönlich ein Knochen an den Ort zurück, an dem der Märtyrer starb. Die wichtigsten Stationen des bewegten Lebens des Märtyrers sind auf einem der Bronzetore (ab 1970) der Basilika dargestellt.

links: Ausgrabungen in der Basilika, rechts: Ecce-Homo-Gruppe

Ein auffälliges Merkmal des Innenraums ist der Turm, der buchstäblich in einem der Seitenschiffe steht: Da die heutige Basilika viel breiter ist als eine ältere Kirche, wurde sie um den Turm herum gebaut. Draußen erregt eine lebensgroße Ecce-Homo-Gruppe aus Terrakotta auf dem Balkon des Beinhauses Aufmerksamkeit. Sie entstand 1690, kurz nach der letzten „Türkenbelagerung“ Wiens (1683). Pontius Pilatus trägt die Uniform eines türkischen Großwesirs – womit damals betont wurde, dass er (wie die Türken) einem heidnischen Glauben anhängt.

Lauriacumstraße 4stlaurenz.com/Basilika

Markt

Nachdem die Römer Lauriacum am Ende des fünften Jahrhunderts verlassen hatten, blieb Lorch noch lange Zeit bewohnt. Die Stadt wurde erst verlegt, als sich im 11. Jahrhundert der Handel über die Donau entwickelte und die lokalen Herrscher näher am Wasser leben wollten.

Es versteht sich von selbst, dass wir unseren Stadtrundgang im Herzen der Stadt am Hauptplatz beenden. Hier treffen wir Sankt Florian wieder. Der Brunnen in Form eines zerbrochenen Mühlsteins weist auf sein Martyrium hin. Von beiden Seiten des Mühlsteins spritzen Wasserstrahlen in die Mitte, als Symbol für die Überbrückung religiöser Unterschiede. Der Brunnen zieht vor allem deshalb an, weil man am Rand stehend ein schönes Selfie mit dem Stadtturm im Hintergrund machen kann.

Brunnen

Heute Morgen ist der Markt auf dem Hauptplatz besonders belebt und gemütlich. Die Leute schlendern an Ständen vorbei, begrüßen sich, sitzen mit vollen Einkaufstaschen auf einer der Terrassen, um sich zu unterhalten … man merkt, dass sie sich hier zu Hause fühlen. Oder mit den Worten des Tourismusfachmanns Brunner: „Enns hat alles, was wir brauchen.“

Tipps & Adressen

Allgemein

Enns liegt südöstlich von Linz am gleichnamigen Fluss, der die Grenze zu Niederösterreich bildet. Zahlreiche Rad- und Wanderwege führen durch und entlang der Stadt, wie der Ennsradweg, der Römer-Radweg, der Donauradweg und der Pilgerweg nach Santiago de Compostella. Etwa sechs Kilometer außerhalb des Stadtzentrums ist die Anlegestelle der Radlerfähre Ennsegg, die Wanderer nach St. Pantaleon und/oder Mauthausen führt. Die Fähre verkehrt von Anfang Mai bis Ende September fast alle zehn Minuten. Fahrkarten können beim Fährmann gekauft werden.

Allgemeine Informationen über Unterkünfte, Gastronomie, Führungen, Veranstaltungen und die Besteigung des Stadtturms im Tourismusbüro in Enns: Hauptplatz 19, erleben.enns.at

Essen & Trinken

Zum goldenen Schiff

Das Hotel-Restaurant der dritten Generation von Wolfgang und Daniela Brunner ist ein gastfreundlicher Treffpunkt, auch für die Einheimischen. Sowohl traditionelle als auch moderne Räume zwischen jahrhundertealten Mauern, eine Wellness-Oase auf dem Dach und ein großer Indoor-Fahrradschuppen im Erdgeschoss. Bei schönem Wetter können Sie abends auf der gemütlichen Terrasse gegenüber dem Ennsturm speisen. Hauptplatz 23, hotel-brunner.at

La Tavola

Italienisches Slow-Food-Restaurant im Kellergewölbe von Schloss Ennsegg, mit schönen Schwarz-Weiß-Fotos an den Ziegelwänden und jazziger Musik. Der Koch kommt zwar nicht aus Italien, kocht aber ausgezeichnete authentische italienische Gerichte. Montag ist ‚caldo e fredo‘ Tag oder Tapas auf Italienisch. Auf großen Tabletts kommen viele kleine Leckerbissen vorbei; Sie wählen, was Ihnen zusagt und solange Sie hungrig sind. Schlossgasse 4, latavola.at

Häferlgucker

Restaurant mit Terrasse auf dem Hauptplatz. Einfache, gute Gerichte mit nachhaltigen, regionalen Zutaten. Hauptplatz 27, haeferl-gucker.at

Greislerei

‚Altmodisches‘ Lebensmittelgeschäft und Lunch-Café, das 2012 von Stefan Kaes und Martl Hoeffle eröffnet wurde – weil sie es für wichtig hielten, dass die Bewohner des Zentrums für kleine tägliche Einkäufe ein Geschäft in ihrem eigenen Viertel haben. Mit Snacks und einem festen Mittagsmenü. Hauptplatz 14, greisslerei-enns.at

Einkaufen

Markt

Jeden Mittwoch- und Samstagmorgen bis 12.00 Uhr ist auf dem Hauptplatz der Markt. Außerdem findet am Freitagnachmittag ein Bauernmarkt statt.

Hofladen Enns

Genossenschaftsladen von Bauern aus Enns und Umgebung, in dem sie ihre Produkte direkt an die Verbraucher verkaufen. Die Adresse für regionalen Käse, Fleischprodukte, Fruchtsäfte, Brot, Tee, Gemüse und essbare Souvenirs wie Wein, Brand oder eingelegte Tomaten. Linzer Straße 8, hofladen-enns.at

Lucia’s Naturladen

Lucia Lössl verkauft (essbare) Produkte aus fairem Handel, von Wein und Nudeln bis hin zu geflochtenen Körben, Weihrauch und Kosmetik. Lorch 4, lucias-naturladen.at

Gablonzer

Der Familienbetrieb (vierte Generation) am Stadtrand von Enns stellt mundgeblasene Weihnachts- und Osterdekorationen sowie Schmuck mit vorwiegend Glasperlen (viel Swarovski) her. Sie sind eine starke Marke auf dem amerikanischen Markt und haben einen Laden in der Manufaktur (auch Besichtigungen möglich). Neugablonz 10b, gablonzer.at

Hauptplatz Villach
©anja koehler | andereart.de
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