Ötschergräben

 Grand Canyon Österreichs

Text: Emely Nobis / Bild: Frits Roest

Ein kristallklarer Gebirgsbach, kaskadenartige Wasserfälle, Nadelbäume, die auf Felsen balancieren… die Ötschergräben werden manchmal den ‚Grand Canyon‘ Österreichs genannt. Weil es nicht zu steil ist, werden Sie einen Spaziergang durch diese wildromantische Schlucht umso mehr genießen.

Nichts beruhigt die Seele mehr als die unberührte Schönheit der Natur. Die Schlucht, die der Ötscherbach im Laufe der Jahrtausende in das Dolomitgestein am Fuße des Ötschers geschliffen hat, ist ein solches Naturphänomen. Der ‚Grand Canyon‘ Österreichs, wie die Ötschergräben im Volksmund genannt werden, ist bezaubernd und wild zugleich. Auf engen Abschnitten zwängt sich der Bach mit aller Kraft zwischen die ihn flankierenden Felswände. Wenn die Steinmauer zurückweicht und dem Wasser Raum gibt, kommt der Wildbach zur Ruhe und es entstehen kleine kristallklare Seen, in denen man sogar an heißen Sommertagen baden kann. Auch die Farbe des Wassers ändert sich mit der Strömung. Ein chamäleonhaftes Gewand aus Dunkelblau, Türkis, Gelb und Smaragdgrün, das durch das Licht- und Schattenspiel zwischen den Bergwänden und dem vielfarbigen Grün der Bäume verstärkt wird. Übrigens hat das Bachwasser Trinkwasserqualität, also können Sie bei Bedarf die mitgebrachte Flasche beim Wandern nachfüllen.

Holzarbeiter und Touristen

Die Ötschergräben sind Teil des Naturparks Ötscher-Tormäuer in Niederösterreich, ein Gebiet von 170 Quadratkilometern rund um den Ötscher. Der höchste Gipfel dieses Bergmassivs ist mit 1893 Metern eher bescheiden, aber aufgrund seiner isolierten Lage kann man ihn schon aus hundert Kilometern Entfernung sehen. Wegen seiner dominierenden Präsenz wurde es von den Kelten, die die Region um vierhundert v. Chr. besiedelten, ‚ocan‘ (Vaterberg) genannt. Daraus wurde später der Name Ötscher abgeleitet.

Ausgangspunkt unserer Wanderung ist das Informationszentrum Ötscher-Basis in der Nähe des Dorfes Wienerbruck, erreichbar mit dem Auto (auf dem großen Parkplatz können Sie auch Ihr Wohnmobil abstellen) oder mit der Mariazellerbahn, der Schmalspurbahn, die die Bergdörfer im Naturpark verbindet. Von der Ötscher-Basis gehen wir an einem Wasserkraftwerk und einem Stausee vorbei nach links in den Wald. Nachdem wir eine Brücke überquert haben, passieren wir bald den kleinen Kienbach-Wasserfall und den Lassing-Wasserfall mit den Resten eines Staudamms. Dieser Damm wurde von spezialisierten Holzfällern gebaut, die ab 1740 aus dem Salzkammergut in das Ötschergebiet zogen. Sie rodeten die dichten Wälder rund um die Bergdörfer und sorgten dafür, dass das Holz über die vielen Schluchten in der Gegend mit ihren Gebirgsbächen und Wasserfällen in den Erlauf, einen Seitenarm der Donau, bei Wienerbruck gelangte. Über diesen Fluss wurde das Holz weiter nach Wien transportiert, wo es für den Bau und die Heizung der Häuser benötigt wurde.

Der Staudamm von Lassing, der dem Wasser mehr Antriebskraft verleihen sollte, erwies sich später als eine treibende Kraft für den Tourismus in der Region. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Wienerbruck ein beliebter Ferienort für Stadtbewohner. Die Holzarbeiter entdeckten bald, wie sie mit ihnen Geld verdienen konnten. Sie schlossen den Damm, versammelten Touristen in Holzpavillons am Fuße des Lassing-Wasserfalls und ließen sie für die Wiedereröffnung des Damms bezahlen. Das angesammelte Wasser führte natürlich zu einem besonders spektakulären Wasserfall.

Wasserfälle und Bibellesungen

Gleich nach dem Lassing-Wasserfall gehen wir in die Ötschergräben. Der Wanderweg durch diese Schlucht, die als eine der schönsten in den Alpen gilt, führt über einen gut ausgebauten Weg, der an überhängenden Abschnitten teilweise mit Holzgerüsten und Geländern aus Stahldraht verstärkt ist. Wir wechseln regelmäßig über Holzbrücken das Ufer. Wir wandern an hohen Felswänden entlang, manchmal leicht bergauf und manchmal direkt am Wasser entlang, häufiger jedoch auf einem schmalen Pfad am Berghang entlang. Entlang des Weges essen Menschen auf Felsen zu Mittag, die Füße im Wasser. Wir warten, bis wir nach etwa zwei Stunden die Jausenstation Ötscher Hias erreichen, wo wir an der Theke Brot mit Speck und Meerrettich und frischem Schafskäse bestellen und es an einen freien Platz auf der Terrasse bringen.

Viele Wanderer halten an dieser Stelle an. Sie verlassen hier die Schlucht und gehen auf einem Waldweg zurück zum Bahnhof Mitterbach. Wir setzen die Route durch die ‚hinteren‘ Ötschergräben fort. Ab hier aus ist es viel ruhiger. Je höher wir kommen, desto weiter reicht unser Blick und wir sehen, wie tief die Schlucht ist und wie wild der Strom fließen kann. Entlang der Ufer befinden sich mehrere Baumstämme, die vom Wasser mitgerissen werden. Wir halten an der Mira- und dem neunzig Meter hohen Schleier-Wasserfall.

Unser Endziel ist das Schutzhaus Vorderötscher im hinteren Teil der Schlucht. Vor zweihundert Jahren war diese Berghütte das Zentrum einer kleinen Siedlung mit Holzhäusern, die von den Holzarbeitern gebaut wurden. Die Tatsache, dass sie überhaupt bereit waren, auf diesem nur zu Fuß zugänglichen Plateau mit ihren Familien zu arbeiten und zu leben, hatte alles mit Religion zu tun. Als sogenannte ‚Geheimprotestanten‘ durften sie im damaligen Österreich ihren Glauben nicht offen bekennen. Sie taten dies in der Abgeschiedenheit der Ötscherregion, wo sie geheime Treffen und Bibellesungen abhielten. Erst nachdem Kaiser Josef II. 1781 das religiöse Monopol der katholischen Kirche beendete, traten sie mit ihrem Glauben hervor und 1785 wurde Mitterbach die erste ‚Toleranz‘-Gemeinde in Österreich mit einer katholischen und einer evangelischen Kirche. Etwa achtzig Menschen lebten einst dort auf dem abgelegenen Bergplateau. Heute ist nur noch das Schutzhaus Vorderötscher, das ehemalige Gasthaus, erhalten.

Tulpenzwiebeln

Das Schutzhaus liegt etwa vier Gehstunden von der Ötscher-Basis entfernt. Da wir früh losgefahren sind, können wir am selben Tag hin- und zurückwandern. Wer am nächsten Tag weiter wandern möchte, zum Beispiel über den Ötschergipfel auf den Gipfel der Gemeindealpe auf der anderen Seite des Ötschergräbens, kann hier übernachten. Vergessen Sie nicht, Ihren Namen in das Bergbuch des Ötschers zu schreiben. Der erste, der dies 1574 offiziell tat, war kein Österreicher, sondern der flämische Gelehrte Carolus Clusius (eigentlich Charles de l’Écluse, 1526-1609). Von 1573 bis 1577 war er in Wien als Hofbotaniker Kaiser Maximilians II. tätig. Nach Maximilians Tod blieb er in Österreich, um die lokale Flora zu erforschen. Mit der Organisation von botanischen Exkursionen auf dem Ötscher gelang es ihm, das Interesse an der Alpenflora zu wecken. Er entdeckte zahlreiche neue Pflanzenarten, von denen einige noch heute seinen Namen tragen, wie die Primula clusiana (eine Art Schlüsselblume), die Doronicum clusii (eine alpine Frühlings-Sonnenblume) und die blaue Gentiana clusii (großblütiger Enzian). Während seines Aufenthalts in Wien hatte Clusius vom österreichischen Botschafter im Osmanischen Reich ein paar Tulpenzwiebeln erhalten. Als er 1594 Professor in Leiden wurde, legte seine Forschung über diese Tulpenzwiebeln den Grundstein für die niederländische Blumenzwiebelzucht und Tulpenveredlung.

Tipps & Adressen

Allgemein

Der Ötschergräben ist Teil des Naturparks Ötscher-Tormäuer in Niederösterreich, an der Grenze zur Steiermark. Die Gemeinden des Gebietes (Gaming/Lackenhof, St. Anton an der Jeßnitz, Puchenstuben, Annaberg und Mitterbach am Erlaufsee) sind über die Westautobahn A1 (Abfahrt St. Pölten Süd bzw. Ybbs) oder mit der Mariazellerbahn von St. Pölten aus zu erreichen. Das Naturparkgelände (naturpark-oetscher.at ) und das Informationszentrum Ötscher-Basis am Eingang des Naturparks bieten viele Informationen über die Ötschergräben und andere Wanderwege im Naturpark Ötscher-Tormäuer, Führungen, Veranstaltungen, kulinarische Angebote, Unterkünfte und öffentliche Verkehrsmittel. Langseitenrotte 140 in Wienerbruck, oetscher-basis.at

Nächtigen

Schutzhaus Vorderötscher

Der historische Gasthof der Holzarbeiter (nur zu Fuß erreichbar) wurde 2014 sorgfältig renoviert und mit einem modernen Anbau aus hellem Holz erweitert. Unterbringung in Zimmern oder Matratzenlagern. Traditionelles Hüttenessen oder sogar Grillen im Freien mit dem hauseigenen Fleischpaket. Geöffnet von Ende April bis Ende Oktober, Ötscherstraße 22 in Mitterbach-Seerotte. Ötscherstraße 22 in Mitterbach-Seerotte, naturpark-oetscher.at/vorderoetscher

Alpenhotel Gösing

Vier-Sterne-Hotel mitten in der Natur mit Fin-de-Siècle-Flair. Vom Restaurant Ötscherblick und von der Terrasse aus haben Sie einen Blick auf den Ötscher und den 1340 Hektar großen Wald, der zum Hotel gehört. Der Komplex wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Unterkunft für die am Bau der Mariazellerbahn beteiligten Ingenieure errichtet und war später ein beliebtes ‚Sommerfrische‘-Ziel. Nur einen Steinwurf vom Bahnhof Gösing (im Besitz des Hotels) entfernt, so dass Sie auch mühelos mit dem Zug anreisen können. Gösing an der Mariazellerbahn 4goesing.at

Digruber

Campingplatz und Zimmer mit Frühstück der Familie Digruber, am Fuße des Ötschers. Mit eigenem Restaurant und für Campinggäste die Möglichkeit, das Frühstücksbuffet in Anspruch zu nehmen. Der Campingplatz ist ganzjährig geöffnet. Ötscherwiese 18 in Lackenhof am Ötscherdigruber.at

Urlaub am Bahnhof

Obwohl der Bahnhof Wienerbruck noch immer in Betrieb ist (in Gehdistanz zur Ötscher-Basis), ist dies für das ehemalige Bahnhofsgebäude nicht der Fall. Veronika und Jürgen Nutz haben dort nun zwei schöne Wohnungen eingerichtet: den Ötscherbär und die Himmelstreppe (benannt nach Zügen der Mariazellerbahn). Langseitenrotte 34 in Wienerbruck/Annabergurlaubambahnhof.at

Essen und Trinken

Seegasthaus Ötscher-Basis

Im Restaurant Ötscher-Basis werden regionale Produkte wie Schafskäse und Bier von Bruckner’s Erzbräu in Gaming serviert. Draußen beim Ötscher-Grill können Sie mit Zutaten, die Sie im Restaurant kaufen, grillen. Langseitenrotte 140 in Wienerbruckoetscher-basis.at

Ötscherhias

Den inneren Mensch stärken in der Mitte der Ötschergräben. Die einfachen (Brot-)Mahlzeiten können an der Theke abgeholt und auf der Terrasse genossen werden. Ötschergräben in Mitterbach am Erlaufsee, naturpark-oetscher.at

Sehen & Tun

Gemeindealpe

Vom 1626 Meter hohen Gipfel der Gemeindealpe bei Mitterbach hat man einen wunderbaren Blick über den Ötscher, den Erlaufsee, den Wallfahrtsort Mariazell und die Berge des Mostviertels. Guter Ausgangspunkt für Skifahren oder Skilanglaufen im Winter und Wandern oder z.B. Paragleiten im Sommer. Erreichbar mit dem Sessellift (fast ganzjährig in Betrieb) ab Mittersbach. Im Sommer können Abenteurer den Berg mit einem Bergkart oder Roller hinunterfahren. Oben auf der Gemeindealpe liegt das moderne Restaurant Terzerhaus, zum Mittagessen in der nostalgischen Zirbenstube, dem großen Lounge-Restaurant mit Rundumverglasung oder auf der Panoramaterrasse. Traditionelle und zeitgenössische Gerichte und hausgemachte Kuchen.

Mariazeller Bahn

Die Mariazellerbahn fährt quer durch das Ötschergebiet. Auf der Bergstrecke muss der Schmalspurzug einen Höhenunterschied von etwa sechshundert Metern überbrücken. Fahrkarten und Fahrplan: mariazellerbahn.at

Ötscher Tropfsteinhöhle

Unterhalb des Ötschers liegt ein zusammenhängendes System von 120 Kilometern Gängen, die vom Wasser in den Kalksteinfelsen geschliffen wurden. Nur die Tropfsteinhöhle in Gaming (575 Meter lang und 54 Meter tief) ist zugänglich. Während einer Führung besuchen Sie die Hohe Kathedrale, den Saal der feurigen Zungen und den Zaubergang. An der tiefsten Stelle befindet sich ein unterirdischer See. Geöffnet von Mai bis Oktober. Eingang: Tormäuerstraße 64 in Gaming 

Erlaufsee

Heißer Tag? Zwischen Ötscher und Mariazell liegt der Erlaufsee auf einer Höhe von 827 Metern. Sie können schwimmen, tauchen, surfen, Boot fahren oder fischen gehen. Mehrere Strände mit Liegewiesen und Spielplätzen sowie ein Campingplatz direkt am See (in St. Sebastian, geöffnet von Mai bis Mitte September).

Bier-Tour

Bruckner’s Erzbräu in Gaming (Mostviertel) braut Bio-Bier mit Namen wie Schwarzer Graf, Bergquell und Steinbock. Zweimal täglich gibt es eine ‚Biertour‘ mit Verkostung (Säfte für Kinder). Grubberg 4a in Gaming, erzbräu.at

Mariazell

Der kleine Wahlfahrtsort Mariazell liegt am Ende der Mariazellerbahn und ist sicher ein Besuch wert. mariazell.at

Verdrängung der Lärchwiesen