Kaiserschützenweg

Historischer Bergweg in Tirol

Wunderschöne Natur mit bewegter Vergangenheit … der Kaiserschützenweg in Nauders (Tirol) führt an Relikten aus dem Ersten Weltkrieg vorbei. Eine Bergwanderung auf den Spuren der Vergangenheit.

Text: Emely Nobis / Bilder: Frits Roest

Während wir durch den Wald hinaufsteigen, scheint das Sonnenlicht wohltuend durch die Bäume. Unterwegs öffnet sich immer wieder der Wald für einen beeindruckenden Blick auf eine romantische Alpenlandschaft mit Bergen, Schluchten und Flüssen. Wir sind in Nauders in Tirol. Wandern in diesem Gebiet ist nicht nur landschaftlich reizvoll, sondern auch historisch interessant. Dies gilt mit Sicherheit für den Kaiserschützenweg. Diese im Ersten Weltkrieg errichtete Verteidigungslinie führt den Wanderer an den Relikten des Krieges vorbei, wie Verteidigungsanlagen, Schützengräben, baufälligen Gerüsten und in den Fels gehauenen Höhlen, die den Soldaten als Unterschlupf dienten. Erbauer waren die Kaiserschützen: Gebirgstruppen der österreichisch-ungarischen Monarchie mit Soldaten aus Tirol und Vorarlberg. Während des Ersten Weltkriegs wurden sie an der Südfront eingesetzt, nachdem Italien 1915 Österreich-Ungarn den Krieg erklärt hatte. Der Kaiserschützenweg wurde als Vorsichtsmaßnahme gebaut: Die Verteidigungslinie musste eine mögliche italienische Invasion stoppen, wenn die Front an anderer Stelle (vor allem am Ortler) durchbrochen würde. Tatsächliche Kämpfe bei Nauders fanden jedoch nie statt. Der Kaiserschützenweg wurde für einen Feind gebaut, der nie kam.

Stille Zeugen

Festung Nauders © Tirol Werbung

Der Eingang zum historischen Wanderweg befindet sich direkt neben der imposanten Festung Nauders (2,5 Kilometer nordwestlich des Dorfes). Von hier aus führt ein steiler Pfad zum Bergplateau Sellerköpfe, wo die Kaiserschützen ihre Verteidigungslinie errichten würden. Bis 2016 war der Weg nach oben (3 Kilometer, 500 Höhenmeter) nicht mehr passierbar. Große Abschnitte mussten mit Treppen, Plattformen, Seilen und Kabeln gesichert werden, um es für Wanderer sicher zu machen. Wir machen von diesen Hilfsmitteln dankbar Gebrauch und sind froh, dass wir keine Höhenangst haben. Umso beeindruckender ist es, sich vorzustellen, wie schwierig es gewesen sein muss, den Weg vor hundert Jahren in die Fels- und Waldlandschaft zu hauen. Mit der Hand oder mit Dynamit und elektrischen Bohrmaschinen wurden entlang der Route Höhlen angelegt, die den Soldaten als Lagerräume und Unterkünfte dienten. Holz, Nägel, Sandsäcke, Balken, Zement und Kriegsgerät mussten mühsam bergauf transportiert werden. Die Soldaten selbst trugen fünfzig Kilo schweres Gepäck. Als wir mit nur einem Tagesrucksack atemlos auf der Sellerköpfe ankommen, bemerken wir nicht einmal die stummen Kriegszeugen hier. Erst bei genauerem Hinsehen erkennen wir, dass die grüne Wand am Rand des Plateaus künstlich ist und dass sich hinter diesen Gerüsten die Gräben befanden. Wir erkennen auch eine Reihe von Gruben, um die herum Steinmauern als Überreste von Gräben gestapelt sind. Einmal gesehen, genießt man trotzdem den Panoramablick über das Tiroler Oberinntal, das Schweizer Engadin und den Reschenpass bis hin zum Ortler in Italien. Dass wir hier einen so ungehinderten Blick haben, ist auch eine Folge des Ersten Weltkriegs. Ganze Wälder wurden auf dem Plateau (und auf dem Weg dorthin) gerodet, um den Soldaten eine klare Sicht auf mögliche Feinde zu ermöglichen. Die Gemeinde Nauders wehrte sich dagegen und wollte ihr Edelholz nicht für diesen Zweck zur Verfügung stellen. Schließlich ließen sie sich mit dem Versprechen überzeugen, dass sie nach dem Krieg eine hohe Entschädigung dafür erhalten würden. Daraus ist nie etwas geworden.

Die Natur als Feind

Auch wenn die Front des Ersten Weltkrieges Nauders nicht erreicht hat, kann man sich bei einem Spaziergang auf dem historischen Kaiserschützenweg immer noch vorstellen, wie es auf den Schlachtfeldern in den Bergen gewesen sein muss. Dreißig Informationstafeln entlang der Route geben Einblick in die Geschichte der Kaiserschützen und ihre Rolle während des Ersten Weltkrieges. Als der Krieg im August 1914 ausbrach, wurden sie zunächst an der Ostfront eingesetzt, unter anderem im Kronland Galizien an der Grenze zu Russland. Nachdem die Südgrenze Tirols 1915 zum Kriegsgebiet wurde, mussten die meisten Kaiserschützen zur Verteidigung dieser Front nach Hause zurückkehren. Italien und Österreich-Ungarn kämpften drei Jahre lang erbittert. In einer Höhe von etwa dreitausend Metern gruben sie Minenstollen und sprengten sogar ganze Berggipfel in die Luft. Dennoch machte die Natur in den Bergen mehr Opfer, als die Kämpfe selbst. Im Sommer waren die Soldaten oft Opfer von Unwettern, Blitzen und Erdrutschen, im Winter von Lawinen, Temperaturen bis minus 40 Grad und meterhohem Schnee, der sie tage- oder wochenlang von der Außenwelt abschneiden konnte. Dann mussten sie in ihren kleinen, bedrückenden Felsunterkünften überleben. Die Wände und Dächer dieser Höhlen wurden mit Pappe abgedeckt, um die schlimmste Feuchtigkeit abzuwehren. Auf den mit Stroh und Spänen bedeckten Holzbetten konnten die Soldaten kaum aufrecht sitzen, ohne sich den Kopf am oberen Bett oder an den hervorstehenden Felsen zu stoßen. Die Soldaten schlugen die Zeit tot, indem sie Kleidung, Unterkünfte und Gerüste reparierten oder die ewig rostenden Gewehre polierten. Der Frieden zwischen Italien und Österreich-Ungarn am 3. November 1918 bedeutete auch das Ende der Kaiserschützen. Etwa zwanzigtausend Männer dieser Gebirgsjägertruppen (oft noch Kinder) wurden zwischen 1914 und 1918 getötet, sind verunglückt oder vermisst. Mindestens ebenso viele kamen behindert oder erst nach Jahren der Gefangenschaft nach Hause. Ein Schild am Ende des Kaiserschützenweges ruft die Wanderer auf, sie und alle Opfer von Krieg und Terror zu gedenken. Wir denken noch einmal über die Vergangenheit nach. Genau das verleiht diesem wiederbelebten Wanderweg einen erheblichen Mehrwert, ohne seine romantische Schönheit zu schmälern.

Rundwanderung

Der Kaiserschützenweg selbst – von der Festung Nauders bis auf die Sellesköpfe – ist etwa drei Kilometer lang und weist einen Höhenunterschied von fünfhundert Metern auf. Da der Weg ziemlich steil ist, wird Wanderern nicht empfohlen, von der Sellesköpfe aus denselben Weg zurück zur Festung zu nehmen. Der Kaiserschützenweg ist ab dem Dorf Nauders in einen neun Kilometer langen Rundwanderweg eingebettet, die zuerst zu Fuß vom Zentrum zur Festung führt (der uninteressanteste Teil, so dass Sie auch ein Taxi nehmen oder in Ihrem Hotel um eine Mitfahrgelegenheit bitten können) und dann dem markierten Waldweg bis auf die Sellesköpfe. Von diesem Plateau geht es dann auf weniger steilen und an vielen Stellen breiten Wanderwegen zurück zum Ausgangspunkt im Dorf. Je nachdem, wie viel Zeit Sie sich umsehen, benötigen Sie vier bis fünf Stunden. Eine kostenlose Routenbeschreibung für diese mittelschwere Wanderung (die mit Kleinkindern nicht zu empfehlen ist) ist im Tourismusbüro Nauders erhältlich: Dr. Tschiggfrey-Straße 66, nauders.com

Lesen Sie hier mehr über die nahegelegene mittelalterliche Gerichtsstätte und Grenzbefestigung Altfinstermünz.

Tipp: Bringen Sie genügend Wasser mit, denn erst am Ende kommen Sie auf dem Weg an dem einzigen Gasthaus vorbei: Alpengasthof Norbertshöhe.at

Tipp: Eine ausgezeichnete Übernachtungsmöglichkeit in Nauders ist das Wellnesshotel Naudererhof.

Verdrängung der Lärchwiesen