Hintertuxer Gletscher

Vier-Jahreszeiten-Attraktion

Text: Emely Nobis / Bild: Frits Roest

Morgens eingemummelt auf den Gletscher, nachmittags in kurzen Hosen und vorbei an tosenden Wasserfällen… Auf dem Hintertuxer Gletscher im Tiroler Zillertal kann man auch im Sommer Winterabenteuer erleben.

Am Morgen: Winterspaß

Gefrorene Wand

Gefrorene Wand

Es ist eine entfremdende Erfahrung. Als wir an einem warmen Sommertag an der Talstation des Hintertuxer Gletschers – ganz hinten im Zillertal – parken, scheint die Welt auf dem Kopf zu stehen. Überall sind Menschen mit Skiern und Snowboards unterwegs. Einige sind bereits in Skijacken und -hosen gehüllt und mit Helm und Skistiefeln unterwegs – trotz 25 Grad Celsius. Andere tragen ihre Skiausrüstung in großen Rucksäcken und steigen in die Seilbahn ein, die uns in drei Etappen (Gletscherbus 1-3) zum höchsten Punkt des Gletschers (3.250 Meter) bringt.

Bergstation

Bergstation

Wenn man an der Bergstation ankommt, ist es, als würde man in den Winter eintreten: Minus vier Grad, überall Schnee und volle Pisten. In unserer Wanderkleidung, nur mit einer Fleecejacke gegen die Kälte, fühlen wir uns etwas deplatziert. Aber wir sind hier an der richtigen Stelle. Obwohl der Hintertuxer Gletscher das einzige Skigebiet in Österreich ist, das 365 Tage im Jahr geöffnet ist, kann man hier auch abseits des Skisports Abenteuer erleben. Wir gehen nicht auf den Gletscher, sondern werden ihn von innen erkunden. In einem Container neben der Bergstation Gefrorene Wand melden wir uns für eine unterirdische Führung durch den Natur Eis Palast an: ein von der Natur geformtes Eiswunderland, das zum Teil für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Im Inneren herrschen konstante 0 Grad Celsius: kühl im Sommer und vergleichsweise warm im Winter.

Sahara-Sand

Am Beginn des Natus Eis Palastes

Am Beginn des Natus Eis Palastes

Während wir mit der Führerin Greta zum Eingang der Gletscherhöhle wandern, erzählt sie uns, dass wir bald unter der Bergstation hindurchgehen werden, aber wir müssen uns keine Sorgen machen, dass die Bergstation im Eis versinken könnte. Es steht auf Granit-Gneis, einem Gestein, das Kälte sehr gut speichern kann und daher eine konstante Temperatur von minus 2 Grad Celsius aufweist. „Aufgrund des Permafrostes ist der Gletscher hier an seiner Basis angefroren und bewegt sich kaum.“

Führerin Greta, Tuxer Riese und Forschungsschacht

Führerin Greta, Tuxer Riese und Forschungsschacht

Wir betreten das blau beleuchtete Korridorsystem. Es ist zwar rutschig, aber dank der Gummimatten auf dem Boden und der Handläufe aus Seilen in Hüfthöhe haben wir genügend halt. Manchmal geht es über Leitern hinauf und hinunter, vorbei an „Kammern“ mit gefrorenen Wasserfällen, Eiskristallen und zahlreichen Stalaktiten aus Eis, die bis zu zehn Meter lang sind und wahre Kunstwerke darstellen. Manchmal liegen große Steine am Wegesrand. Dabei handelt es sich um Moränen, die von der Oberfläche des Gletschers stammen, aber im Laufe der Jahre durch den Druck des Schnees buchstäblich durch das Eis gesunken sind.

Eisformationen

Eisformationen

Greta erklärt, warum nicht alle Eisschichten die gleiche Farbe haben. Das weiße Eis besteht aus zu Firneis gefrorenen Schneekristallen, während die transparente Eisschicht durch gefrorenes (Schmelz-)Wasser entsteht, das durch Spalten in den Gletscher eindringt und tropfenweise gefriert. Die dabei mitgeschleppten Luftblasen bilden nun kleine Hohlräume im Eis. Manchmal hat das Eis eine leicht gelbliche Farbe. Es ist Saharasand, den der Wind auf den Gletscher geblasen hat und schließlich auch im Inneren des Gletschers landete, erklärt Greta. Die schwarzen Flecken, die wir hier und da sehen, scheinen vulkanische Asche und Granulat zu sein. Sie sind eine Nahrungsquelle für das einzige Tier, das in den Höhlen lebt: der Gletscherfloh, der „zum Glück keine Menschen mag“.

Bootsfahrt auf dem Gletschersee

Der Eispalast mag von der Natur geformt worden sein, aber hier und da stößt man auf Spuren menschlicher Eingriffe. Ein Floß, das nach einer Fernsehaufzeichnung zurückgelassen wurde. Eine große Puppe, die den schlafenden „Tuxer Riesen“ darstellt: eine Zillertaler Märchenfigur (aber auch eine Metapher für den Berg selbst), die hier aufgestellt wurde, um es für Kinder spannend zu machen. Wir kommen auch an einem 52 Meter tiefen Schacht vorbei, der zu Forschungszwecken bis auf den Grund des Gletschers gegraben wurde. Das größte Rätsel – das Alter der unteren Eisschicht – ist jedoch noch nicht geklärt. Greta: „Die Eisschicht ist bis zu 80 Meter dick und wir wissen, dass die höheren Schichten während der Kleinen Eiszeit zwischen 1200 und 1850 entstanden sind. Leider enthalten die darunter liegenden Schichten zu wenig organisches Material, um uns bei der Datierung zu helfen. Das könnte funktionieren, wenn wir jemals einen Ötzi 2.0 finden.

Das Boot auf dem Gletschersee

Das Boot auf dem Gletschersee

Gegen Ende der Tour erwartet uns der Höhepunkt der Erkundung des Eispalastes: eine Bootsfahrt über einen fünfzig Meter langen unterirdischen Gletschersee. Mit einer Wassertemperatur zwischen minus 2 und 5 Grad Celsius ist er einer der kältesten Süßwasserseen der Welt. Der See ist entstanden, weil sich hier Schmelz- und Regenwasser sammeln und nicht weiter absinken können, weil der Gletscherboden als Isolierschicht wirkt. Warum gefriert das Wasser dann nicht? „Es ist so rein“, sagt Greta, „dass es überhaupt keine Mineralien enthält. Deshalb kann es nicht kristallisieren und somit auch nicht einfrieren.“

Wir steigen in ein großes Schlauchboot und gleiten in aller Ruhe die fünfzig Meter lange und 35 Meter tiefe „Badewanne“ hinunter, in dem wiederum befremdlichen Wissen, dass 35 Meter über unseren Köpfen nun Menschen den Hang hinuntergleiten. Die Besucher des Sees können auch Kajak fahren, Stand-up-Paddeln und sogar schwimmen (mit einem ärztlichen Attest). Letzteres ist jedoch nur etwas für echte Draufgänger – zumal ein Neopren-Tauchanzug nicht erlaubt ist. „Nur in Badehose oder Bikini“, sagt Greta. Sonst wäre es zu wenig Abenteuer.

Zufällige Entdeckung

Roman Erler

Roman Erler © Zillertal Tourismus, Bernhard Huber

Als wir die magische Eiswelt nach mehr als einer Stunde verlassen, unterhalten wir uns mit Roman Erler, dem Leiter und Entdecker der Eishöhle. Erler stammt aus Tux und hat als Mitglied der Bergrettung schon viele Wintersportler „tot und lebendig“ aus Gletscherspalten geborgen. Dass er den „Natur Eis Palast“ gefunden hat, ist seiner Meinung nach eine Kombination aus Zufall und Intuition. „In der Nähe der Piste 5 sah ich einen etwa zehn Zentimeter langen Riss in der steilen Eiswand. Das fand ich interessant, denn an dieser Stelle gibt es nie Gletscherspalten. Er kletterte mit Steigbügeln hinauf, sah nur eine schwarze Leere und beschloss – nachdem er mit einem Eispickel ein mannshohes Loch gegraben hatte – hineinzuklettern. Ich habe sofort vermutet, dass sich hinter dem Riss etwas Besonderes verbirgt“, erklärt er seinen Schritt ins Leere. Er war jedoch auch begeistert, als er entdeckte, dass sich dort ein gigantischer „Eispalast“ mit mehreren Sälen auf drei Etagen befand. In den folgenden Jahren erforschte er das Höhlensystem Stück für Stück und erhielt schließlich die Genehmigung, einen Teil davon für Besucher zu öffnen. Der Rest der Katakomben – soweit sie bisher entdeckt wurden – ist nur für wissenschaftliche Forschungszwecken zugängig. „Das ist auch gut so. Tourismus und Naturschutz müssen im Gleichgewicht sein“.

Am Nachmittag: Sommerspaß

Abfahrt zum Tuxer Ferner Haus

Abfahrt zum Tuxer Ferner Haus

Wir lassen den Winter hinter uns und steuern auf den Sommer zu… Von der Bergstation (3250 m) fahren wir mit dem Gletscherbus 3 hinunter zur Zwischenstation Tuxer Ferner Haus (2660 m), um auf der Terrasse des gleichnamigen Selbstbedienungsrestaurants zu Mittag zu essen. Anschließend fahren wir mit dem Gletscherbus 2 zur Mittelstation des Hintertuxer Gletschers auf 2042 Meter. Von dieser Sommerbergalm führt uns der sogenannte Wasserfallweg in etwa zweieinhalb Stunden (535 Höhenmeter) zur Talstation im Ort Hintertux.

Wegweiser und Sommerbergalm

Wegweiser und Sommerbergalm

Wir müssen den Anfang des Weges suchen, finden aber bald den ersten Wegweiser. Auf einem breiten Schotterweg wandern wir zwischen einigen tiefer gelegenen Berghütten hindurch, bis wir auf einem schmaleren Pfad durch Almen den von Wasserfällen umgebenen Talkessel von Waldeben erreichen. Am Ende des Sommers machen die Wasserfälle einen eher bescheidenen Eindruck, aber im Frühjahr muss vor allem der große Schraubenwasserfall dank des vielen Schmelzwassers mit enormer Wucht herabstürzen. Zum Glück gibt es noch viel Grün, steile Felswände und spektakuläre Ausblicke auf das Zillertal und die umliegende Bergwelt zu genießen.

Schlucht mit Wasserfällen

Talbecken Waldeben. Hinten der Schleierfall.

Talbecken Waldeben. Hinten der Schleierfall.

Nach einer Rast/Panorama-Pause auf einer Bank wandern wir weiter durch einen Wald mit schönen grünen Moosen und erreichen schließlich die Schraubenfallklamm, benannt nach dem Wasserfall. Der Abstieg durch diese Schlucht ist ziemlich steil, und da es am Vortag geregnet hat, versuchen wir, glitschige Steine und nasse Baumwurzeln zu vermeiden. Die Landschaft ist jetzt ganz anders, aber mindestens genauso beeindruckend. Skurril geformte Felsformationen, vom Gletschereis über Jahrtausende in Schattierungen von gelbgrün bis rostbraun gemeißelt, ein gigantischer gespaltener Fels, im Volksmund Walfischmaul genannt, natürliche Felsbrücken, Höhlen, Schluchten und überall Phasen der Wasserfälle, die wir schon im Talkessel gesehen haben. Während wir das Naturdenkmal Schraubenfall diesmal von einer Brücke aus bewundern, seilt sich eine Gruppe Jugendlicher einer nach dem anderen an einem Seil zwischen den steilen, meterhohen Felswänden zum türkisfarbenen See ab, in den sich das Wasser ergießt. Erst jetzt bemerken wir die Haken und Seile in und an der Felswand. Später stellt sich heraus, dass hier das ganze Jahr über Canyoning-Touren organisiert werden.

Wanderweg und Schraubenfallklamm

Wanderweg und Schraubenfallklamm

Wir steigen noch eine Weile ab und gehen dann das letzte Stück auf der Straße zur Talstation. Zu unserer Rechten stürzt die letzte Phase des Kesselfalls über die Felsen. Es ist ein beliebtes Fotomotiv. Kein Wunder, denn sie ist von der Straße aus sichtbar und von der Talstation in wenigen Minuten zu erreichen. Ideal für alle, die nicht die Zeit, Lust oder Kondition haben, den Wasserfallweg zu gehen.

Walfischmaul

Walfischmaul

Ein Tag voller Kontraste

Als wir zu unserem Auto gehen, sind wir wieder von Menschen in Skikleidung umgeben, die damit beschäftigt sind, sich umzuziehen und ihre Ausrüstung nach einem langen Tag auf der Piste ins Auto zu laden. Wir sind froh, dass wir den Winter und den Sommer an ein und demselben Tag kombiniert haben. Erst die kalte Tour durch den Bauch des Gletschers, dann der warme Spaziergang durch die Schlucht, die teilweise durch das Schmelzwasser des Gletschers entstanden ist. Ein Kontrast, den Sie wahrscheinlich nur hier erleben können.

LiftpasTipps & Adressen

Der Hintertuxer Gletscher gehört zu Tux-Finkenberg, einer von vier Ferienregionen im 47 km langen Zillertal, die sich von Strass bis Hintertux erstreckt. Internationale Züge halten in Jenbach/Tirol, von wo aus die Zillertalbahn an den Dörfern des Zillertals vorbei bis zur Endstation in Mayrhofen fährt. Mit dem Auto erreichen Sie das Zillertal über die Inntalautobahn A12. Vom nächstgelegenen Flughafen in Innsbruck (40 km) können Sie weitere Transporte bei Four Seasons Travel buchen.

Allgemeine Informationen, Unterkünfte, Wanderwege, Wintersportmöglichkeiten, Sehenswürdigkeiten, Veranstaltungen und die Zillertal Activcard (Sommer) oder Superskipass (Winter): tux.at; zillertal.at

Klicken Sie hier für weitere Informationen über die Bergbahnen: hintertuxergletscher.at

Informationen über (Führungen durch) den Natur Eis Palast: natureispalast.info

Gefrorene Wand